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31.07.2019 Domenico Dara, Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall [Roman]

Im Italien von Don Camillo und Peppone ist das Leben beschaulich und herrlich unaufgeregt. Im kalabrischen Girifalco vergeht die Zeit langsam, aber die kleinen Leute des Ortes haben nicht unbedingt kleine Probleme. Ob ein Sohn im Ausland stirbt, die große Liebe einer Intrige wegen verhaftet wird oder Lokalfunktionäre die Dorfbewohner betrügen, einer verfolgt alles aufmerksam und schaltet sich gelegentlich höchst wirksam ein. Der Postbote des Ortes lebt kontemplativ zurückgezogen. Mit wenig Zutrauen zu den eigenen Fähigkeiten und einer Bequemlichkeit, die an Trägheit grenzt, hat er den bequemen Weg einer Arbeitsstelle im Dorf beschritten. Girifalco wird ihm zum Mittelpunkt der Welt. Als Postbote findet er, der seine Mutter zeitlebens nicht verlassen hat, dem andere kaum Beachtung schenken, einen schwachen, aber ausreichenden Trost im papierenen Leben seiner Mitmenschen. In deren akribisch duplizierte und archivierte Korrespondenz mischt sich der im Kopieren fremder Handschriften Begabte ein, indem er eigene Briefe in fremdem Namen verfasst und so die Schicksalsläufe der anderen beeinflusst und lenkt. Außerdem listet er jeden ihm ungewöhnlich erscheinenden Zufall, jedes erstaunliche Zusammentreffen im Dorfleben auf. Diese Abhandlung über den Zufall nennt er bezeichnenderweise auch Wie man die Teilhabe am Leben misst. Doch eigentlich weiß er genau: Zu viel Beobachtung trennt einen von den Dingen. Und so zieht er schließlich die Tür hinter sich zu, beginnt sich zu bewegen und seinem Namen Odysseus gerecht zu werden.

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